Was ist das für’n Ding? Ein Reizkörper. (siehe weiter unten)

Seit etlichen Jahren schon liegt bei mir in einer Kramkiste diese Glasampulle. Keine Ahnung, wo ich die mal her hatte. Nun interessiert mich, was es damit wohl auf sich hat.

Ca. daumendick, 8cm lang, innen eine wasserklare Flüssigkeit, unten ist so eine Art "Zement" dran, als wär's mal eingeputzt oder geklebt, ähnlich den Glühlampenkolben im Metallgewinde, im Kolben selbst ist ein weiterer Kolben, der mit schwarzem, körnigen Granulat gefüllt ist. An der Basis scheint der Kolben offen zu sein, aber dort rieselt nix heraus. Drähte sind nicht zu erkennen.

Wer dazu was weiß, kann mir ja die Freude machen, mich anzumailen. sven@handrick-net.de

Danke! 

Bisherige Antworten:

3.5.2000 11:20
- Das schwarze Granulat ist auf dem Bild schlecht zu erkennen, aber ich vermute mal, daß es sich dabei um Kohlegrieß handelt. Wenn dem so ist, müßten unten aus dem Keramikteil zwei Drähte herausragen oder zumindest die Fragmente von Anschlußdrähten erkennbar sein. Wenn man jetzt noch weiß, daß Kohlegrieß seinen elektrischen Widerstand unter Druck verändert, scheint das Teil eine Art Schwingungs- oder Erschütterungssensor gewesen zu sein. Auch ein Mikrophon könnte es sein.
Munter bleiben... TRICHTEX

3.5.2000 16:49
- Ich könnte mir so den Zünder einer Wasser-Mine o.ä. vorstellen (Schwefelsäure und ein Sprengstoff).
Martin

4.5.2000 08:38
- wie bereits erwähnt, sind die substanzen schlecht erkennbar (durch den dunklen hintergrund) und das 'verkittete' hinterteil ist auch schlecht zu sehen. ich gehe davon aus, dass es sich hier um einen zünder handelt! würde also eher 'very careful' mit dem teil umgehen. vielleicht kennst du ja einen sprengmeister in eurer gegend, der dir weiterhelfen kann!
gruss joker
 

Lösung (16.5.2000):

GefahrensymbolDie Sprengschule in Dresden (http://www.Sprengschule-Dresden.de/) hat mir mitgeteilt, daß es sich bei dem Ding um einen Reizkörper handelt, der verwendet wurde, um den Schutz vor Augenreizstoffen zu üben. Normalerweise war eine Zündschnur dran, die das innen befindliche Schwarzpulver zündete. Dadurch würde die Flüssigkeit freigesetzt, die wahrscheinlich Bromessigsäureethylester (auch ETHYLBROMACETAT; Summenformel: C4H7BrO2) ist.
 

Meine weiteren Recherchen erbrachten mir noch zu wenig. Z.B. ist unklar, wann
"verwendet wurde" meint. Nur im dritten Reich oder noch nach dem 2. Weltkrieg?

Jan Schwarzberg schrieb mir im Juli 2009 dazu:

Die Ampulle ist (wie die Sprengschule richtig mitteilte) ein Reizkörper
(Fällung Bromessigsäureethyl- bzw. -methylester oder Bromaceton), der
mit einer kleinen Schwarzpulverladung (magnesiumoxidstabilisiert)
zum Zerknall gebracht wurde. Hersteller und genauer Entwicklungs-
zeitraum sind unbekannt.

Die Ampullen wurden von allen Gliederungen im Dritten Reich zu Dichte-
proben von Gasmasken benutzt (RLB, Heer, Luftwaffe, Marine, TENO, HJ
usw.). Bei Polizei und Heer erfolgte eine Nutzung auch zum “Ausräuchern”
von Gebäuden, Bunkern und Unterständen.

Die Verbreitung scheint flächendeckend im deutschen Machtraum gewesen
zu sein, mir sind Funde in Russland, Ungarn, Belgien, Holland (Bunker-
stellungen an der Scheldemündung), Magdeburg und der Altmark bekannt.

 

Herzlichen Dank!
 

Wer jedenfalls beim Üben noch nicht perfekt war, litt hinterher nicht bloß unter
Augenreizung:

Chemisch gilt die Substanz als sehr giftig, krebserregend, feuergefährlich bis explosiv
und stark wassergefährdend. Ich zitiere hier vom Bundesinstitut für gesundheitlichen
Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (
BgVV):

"GESUNDHEITSGEFAHREN / ERSTE HILFE

    AUFNAHMEWEGE
    Die Substanz kann in den Körper aufgenommen werden durch Inhalation.

    WIRKUNGEN BEI KURZZEITEXPOSITION
    Tränenreizend.
    Ätzend gegenüber Augen, Haut und Atmungsorganen.
    Inhalation kann zu Lungenödem führen (s. Anm.).
    Verschlucken kann zur Aspiration in die Lunge führen.
    Gefahr der Aspirationspneumonie.
    Exposition kann zum Tode führen.

    WIRKUNGEN NACH LÄNGERANDAUERNDER ODER WIEDERHOLTER EXPOSITION
    Krebserzeugend.

    ALLGEMEINE SYMPTOME
    Erbrechen.
    Husten.
    Kopfschmerzen.
    Kurzatmigkeit.
    Übelkeit.
    Brennen.
    Krämpfe.
    Keuchende Atmung.
    Halsbeschwerden.

    SCHUTZMASSNAHMEN
    Nebelbildung vermeiden!
    Absolute Sauberkeit!
    Wiederholten oder andauernden Kontakt vermeiden!

    INHALATION: ERSTE HILFE
    Frischluft, Ruhe.
    Künstliche Beatmung, falls notwendig.
    Ärztlicher Behandlung zuführen.

    HAUT: ERSTE HILFE
    Erst mit viel Wasser spülen, dann kontaminierte Kleidung entfernen. Haut erneut mit viel
    Wasser spülen oder duschen. Ärztlicher Behandlung zuführen.

    AUGEN: SCHUTZMASSNAHMEN
    Gesichtsschutz.

    AUGEN: ERSTE HILFE
    Augen einige Minuten lang mit viel Wasser spülen.
    Wenn möglich, vorher Kontaktlinsen entfernen.
    Verletzten zum Arzt bringen.

    ORALE AUFNAHME: SCHUTZMASSNAHMEN
    Während der Arbeit NICHT essen, trinken oder rauchen.

    ORALE AUFNAHME: ERSTE HILFE
    Ärztlicher Behandlung zuführen.

    ANMERKUNGEN
    Kontaminierte Kleidungsstücke sachgerecht beseitigen.


BRAND- UND TECHNISCHE GEFAHREN

    FEUER-/EXPLOSIONSGEFAHREN:
    Explosiv.
    Druckerhöhung beim Erwärmen. Berstgefahr!

    CHEMISCHE GEFAHREN:
    Zersetzung beim Kontakt mit heißen Gegenständen oder Flammen.
    Zersetzung im Kontakt mit Wasser.
    Reagiert mit Oxidationsmitteln, Reduktionsmitteln, Säuren.


EINSATZHINWEISE BEI FREISETZUNG / BRAND

    ALLGEMEINE GEFAHREN UND HINWEISE:
    Explosionsgefahr!
    Berstgefahr!
    Bei Brand/Zersetzung Freisetzung von Bromwasserstoff.
    Kein Kontakt mit Oxidationsmitteln, Reduktionsmitteln, Säuren.
    Kein Kontakt mit heißen Gegenständen.
    Rückzündungsgefahr beachten!
    Heftige Reaktion mit Wasser.
    Bei Kontakt mit Feuchtigkeit Bildung von Bromwasserstoff.

    KÖRPERSCHUTZ BEI FREISETZUNG:
    Schwerer Atemschutz.
    Vollschutzanzug, gasdicht.
    Vollschutz mit Sprühstrahl als Mannschutz (beim Leckabdichten).
    Im erweiterten Einsatzbereich Filtergerät A.

    EINSATZHINWEISE BEI FREISETZUNG:
    Gefahrenbereich räumen lassen!
    Fachmann zu Rate ziehen!
    Gefahrenbereich absperren.
    Jeden Kontakt vermeiden.
    Leck möglichst abdichten.
    Geschlossene Räume vor dem Betreten belüften.
    Tiefergelegene Bereiche abdichten.
    Stoff eindeichen und abpumpen.
    Fachgerecht entsorgen.
    Reste mit Sand oder inertem Absorptionsmittel aufnehmen, an sicheren
    Platz bringen.
    Verschüttetes Material in verschließbaren Behältern sammeln. Falls
    erforderlich zuvor anfeuchten, um Staubaufwirbeln zu vermeiden.
    Dämpfe mit Sprühwasser niederschlagen.
    NICHT in die Kanalisation bzw. offene Gewässer gelangen lassen!
    NICHT in die Umwelt gelangen lassen!
    KEIN Wasser auf den Stoff spritzen!
    Beschmutzte Kleidung ausziehen, Personen dekontaminieren.
    Kontaminierte Materialien fachgerecht entsorgen.

    MATERIALIEN FÜR BEHÄLTER, GERÄTE UND ARMATUREN:
    Edelstahl.

    ABDICHTMATERIALIEN:
    Dichtkissen (Neopren).

    BINDE-/NEUTRALISATIONSMITTEL:
    Sand.
    Trockene Erde.
    Gemahlener Kalkstein.
    Vermiculit.

    MESSEN/NACHWEISEN:
    Explosimeter.
    Sauerstof fmeßgerät.
    Gasmeßgerät.

    WARN- BZW. EVAKUIERUNGSHINWEISE:
    Tiefergelegene Bereiche meiden.
    Fenster und Türen schließen.
    Warndurchsagen veranlassen.
    Fachstellen benachrichtigen.
    Bei Gewässerverunreinigung zuständige Stellen benachrichtigen.
    Unbeteiligte nach Luv entfernen.
    Bei großen Mengen freigewordenen Gutes große Sicherheitszone bilden,
    Evakuierung prüfen.

    EXPLOSIONSSCHUTZ:
    Explosionsgeschützte Ausrüstung verwenden.
    Funkenarme Werkzeuge und Werkstoffe benutzen.
    Zündquellen fernhalten.

    ----------------HINWEISE BEI BRAND ODER ZERSETZUNG--------

    KÖRPERSCHUTZ BEI BRAND:
    Schwerer Atemschutz.
    Vollschutzanzug, gasdicht.
    Hitzeschutzausrüstung.
    Im erweiterten Einsatzbereich Filtergerät A tragen.

    EINSATZHINWEISE BEI BRAND/ZERSETZUNG:
    Gefahrenbereich absperren.
    Brand nur aus sicherer Entfernung bekämpfen.
    Löschwasser auffangen.
    Behälter mit Sprühwasser kühlen.
    Behälter möglichst aus dem Brandbereich entfernen.
    Auch nach dem Löschen des Brandes weiterkühlen.

    LÖSCHMITTEL:
    Sprühstrahl. Pulver. Alkoholbeständiger Schaum. Kohlendioxid.

    MESS- UND NACHWEISVERFAHREN BEI BRAND:
    Explosimeter.
    Sauerstoffmeßgerät.
    Gasmeßgerät.
    Prüfröhrchen Salzsäure/Chlorwasserstoff (Nachweis Bromwasserstoff).

    WARN- BZW. EVAKUIERUNGSHINWEISE BEI BRAND:
    Tiefergelegene Bereiche meiden.
    Fenster und Türen schließen.
    Warndurchsagen veranlassen.
    Fachstellen benachrichtigen.
    Bei Gewässerverunreinigung zuständige Stellen benachrichtigen.
    Unbeteiligte nach Luv entfernen.
    Bei Großschadensfällen große Sicherheitszone bilden, Evakuierung/
    Katastrophenalarm prüfen.


UMWELT / LAGERUNG / VERPACKUNG

    UMWELTGEFAHREN:
    Nicht unbedacht in die Umwelt freisetzen.

    LAGERUNG:
    Feuersicher.
    Lagerung getrennt von Oxidationsmitteln, Reduktionsmitteln, Säuren
    Trocken.
    Belüftung an Boden und Decke.

"

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