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Es gibt eine große Zahl von Grenzwerten und allen möglichen Sicherheitsmechanismen. Man bekommt man den Eindruck, die Technik sei sicher. Beinahe
100%ig, fehlen nur noch ein, zwei, naja, höchstens drei Verbesserungen, jedenfalls sei man ganz kurz davor, endlich die Atomtechnik zu beherrschen. In dieses Denken passen auch Äußerungen über russische
'Schrottreaktoren', die natürlich mal hochgehn mußten, unserer deutschen Technik kann das eigentlich nicht passieren.
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Ich denke das ist ein Mythos, der zu unser Technikgläubigkeit gehört, entstanden unter dem Eindruck sich äußerst rasant entwickelnder Technologien.
Tatsächlich kann man viele zehntausend Beispiele von Autofahrern finden, die noch nie einen Unfall hatten. Dennoch wäre es bei 7000 Toten pro Jahr
(allein in Deutschland) sehr vermessen, das System Auto als sicher zu bezeichnen. Daß es in Deutschland noch keinen Gau gegeben hat ist also kein Zeichen für die Sicherheit von Atomtechnik.
Nach Einschätzung von Dietrich Dörner in 'Logik des Mißlingens' war der Unfall von Tschernobyl übrigens gar kein technischer, sondern
beruhte zu 100% auf psychologischen Faktoren. Könnte man sagen, siehste, die Technik ist gar nicht so schlecht. Bloß der Mensch stört immer. Günther Anders stellte in 'Die Antiquiertheit des Menschen' fest,
daß sich der Mensch regelrecht vor der Technik schämt, weil er nicht so perfekt wie sie ist. (Die meisten Leute, die hilflos mit einem Videorecorder umgehen, vermuten Defizite zuallererst bei sich). Auf der Zunge
zergangen erübrigt sich der Wunsch aber von selbst, die Technik möge ohne den Menschen auskommen. Wozu wäre sie dann?
Egal, welche Technik man betrachtet, ihr Funktionieren ist immer begrenzt, sowohl durch Zufälle, als auch durch menschliche Unwägbarkeiten beim
Herstellen oder beim Umgang mit ihr. Wir leben mit dem Risiko des Versagens. Das ist eigentlich gar kein Problem, wie Millionen Lottospieler jede Woche beweisen.
Zwei Aspekte aber sind in meinen Augen bei der Atomtechnik problematisch:
- Keine Freiwilligkeit. Wer mit seinem Auto zu
schnell fährt, geht dieses Risiko freiwillig ein. Das Risiko Atomtechnik wird den Menschen jedoch zugemutet. Das ist mehr ein psychologisches Argument: man kann etwas viel leichter akzeptieren, wenn man's
freiwillig tut. Praktisch läßt sich das schwer umsetzen, wenn Technik sehr übergreifend wirkt. (Wieviel Kinder sind z.B. bereits von Autos verstümmelt oder getötet worden, ohne je darüber mitentscheiden zu
können, wie schnell der Verursacher fährt?, Tschernobyl hat nicht in Kiew Halt gemacht, auch nicht in Warschau.) Das führt zu dem wesentlichsten Argument:
- Grenzenloses Risiko: Wer einen Lottoschein tippt,
weiß genau, welches Risiko er eingeht. Im schlimmsten Fall hat er - weiß nicht genau - die 1,70 pro Tip verspielt. Auch beim Autoverkehr, weiß man, daß meist 7000 Toto pro Jahr 'entstehen', macht 7000
Grabsteine á 1400 Mark, soundsoviel Blumengebinde etc. Man kann ziemlich genau ermitteln, welche Folgen zu erwarten sind. Das ist aber das entscheidende Kriterium fürs Handeln: Da immer Risiken vorhanden sind,
findet letztlich ein Aufrechnen von erwarteten Folgen und erhofftem Nutzen statt (Erwartungs-mal-Wert-Prinzip). Die Versicherer checken das genau durch, soundsoviel Autos werden geklaut, also muß soundsoviel
Versicherung bezahlt werden (plus Gewinn). Die Folgen der Atomtechnik sind jedoch nicht zu beziffern. Das scheint zwar anders zu sein, man kann ja die 50 Verstrahlten durchzählen. Zu Atomtechnik gehören aber
auch Tschernobyl und Umweltverseuchung bei La Hague und Sellafield sowie Endlagerung über Jahrtausende (es gibt bislang nicht mal ein sicheres Endlager).
"Rational wie niemand sonst haben die Versicherungsgesellschaften die Risiken der Atomkraft durchgerechnet, und nüchtern wie Kaufleute sind,
haben sie festgestellt, daß niemand reich genug ist, um die möglichen Schäden noch regulieren zu können. [Phönix, 3.10.99]
Die Versicherung von Atomanlagen, zwar gesetzlich vorgeschrieben, hat also eher symbolischen Wert.
Hierin liegt ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der Stromerzeugung durch Atomkraft (inklusive notwendiger 'Rand'technologien, wie
Transport und Lagerung von Müll) und der Energieerzeugung durch Windräder oder Solarkollektoren oder selbst Kohlekraftwerken. Wenn die Nutzung von Kernenergie bei einem GAU unbezahlbar hohe Kosten verursacht, ist
sie summa summarum nicht lohnend.
Aus dieser Sicht erscheint es mir sinnvoll, Atomkraftwerke auslaufen zu lassen oder gar abzuschalten, bevor der unbezahlbare Gau auch nach
Deutschland kommt. Irgendwo hab ich die Zahl gehört, daß statistisch alle 33.000 Jahre ein GAU passiert. Kinder wie die Zeit vergeht!, hätte man da 1986 ausrufen können. Ich zweifle an, daß der wirtschaftliche
Vorteil aller Kernkraftwerke der Welt, den wirtschaftlichen Verlust allein des Tschernobyl-Unglücks aufwiegen kann. Verlustgeschäfte sollten aber nicht sein.
Wenn dennoch "immer weniger Leute gegen Kernkraft" sind [Sächsische Zeitung vom 29.10.99, nur einen Tag vor dem schwersten Atomunfall in
der japanischen Geschichte], dann ist das eine Verdrehung von Tatsachen. Als hätten die Deutschen Kernkraft zum Hobby erkoren. Die eigentliche Aussage besteht doch wohl darin, daß die Leute keine Stromsperren
wollen. Das zuzusichern braucht es jedoch keine Atomkraftwerke, jedenfalls nicht mehr dreißig Jahre lang, wie die Kraftwerksbetreiber durchsetzen wollen.
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Das Foto entstand bei dem Flug, hat nichts mit AKW zu tun. Wie Vogel Strauß in den Sand stecken die Schornsteine ihren Kopf über die Wolken. Weg
der Dreck. So einfach.
Zum Schluß noch ein Zitat aus der Phönix-Sendung, das mir sehr gut gefiel:
"Die gesellschaftliche Diskussion über Risiken wird nicht rational geführt, sie wird bestimmt von Ängsten und von der Erfahrung, daß gegen
die großen Risiken auf der Welt individuell doch nichts getan werden kann. Resignation und Angst tragen aber wenig dazu bei, den Weg zu suchen, der es ermöglicht, eine gute Lebensqualität für möglichst viele
Menschen zu sichern und zugleich verantwortungsbewußter mit unserer Welt umzugehen".
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